Was mich ein Sushi-Abend über Raumgestaltung nachdenken ließ

Veröffentlicht am 19. Oktober 2026 um 17:54

Vor Kurzem hatte ich die Gelegenheit, in einem japanischen Restaurant eines deutschen Fünf-Sterne-Superior-Hotels Sushi zu essen.

Das Hotel war wunderschön, der Service hervorragend und der Aufenthalt sehr angenehm. Doch beim Sushi-Essen machte ich eine interessante Entdeckung, die mich noch länger beschäftigen sollte.

Ein ungewohntes Sushi-Erlebnis

Sushi ist in Deutschland inzwischen sehr beliebt. Man bekommt es sogar im Supermarkt. Oft sieht es etwas anders aus als das Sushi, das wir aus Japan kennen. Aber das ist ja auch verständlich.

In einem Fünf-Sterne-Hotel hatte ich allerdings noch nie Sushi gegessen. Deshalb war ich besonders gespannt.

Wie frisch wird der Fisch sein? Wie schmeckt der Reis?

Dann kam mein Sushi.

Die Präsentation war kreativ und für japanische Augen etwas ungewöhnlich. Es gab nur wenige einfache Nigiri, die ich persönlich besonders gerne mag. Stattdessen bestand der größte Teil aus aufwendig zubereiteten Sushi-Rollen.

Und wie hat es geschmeckt?

Der Fisch war frisch und lecker. Doch insgesamt war es für mich ein ungewohntes Geschmackserlebnis.

Schon der Reis war kräftig gewürzt. Dazu kamen viele Zutaten und Saucen mit intensiven Aromen.

Im Mund passierte sehr viel auf einmal.

Es schmeckte durchaus gut, aber ich fragte mich:

Ist das eigentlich noch Sushi?

Während ich ein Stück nach dem anderen probierte, versuchte ich zu verstehen, warum es sich für mich so anders anfühlte.

Und plötzlich kam mir ein Gedanke:

Diesem Sushi fehlte der Raum, die einzelnen Zutaten wirklich wahrzunehmen.

Die verschiedenen Aromen vermischten sich so stark, dass ich den Reis oder den Fisch kaum einzeln genießen konnte.

Natürlich kann gerade diese Kombination ihren eigenen Reiz haben. Aber genau diesen Raum wünsche ich mir, wenn ich Sushi esse.

Die Bedeutung des Weglassens

Dieser Gedanke brachte mich zur japanischen Ästhetik und zur Raumgestaltung.

In Japan spielt nicht nur das Vorhandene eine Rolle, sondern auch das bewusst Weggelassene.

Auch der freie Raum kann eine Gestaltung vollständig machen.

Ein einzelnes Objekt bekommt mehr Aufmerksamkeit, wenn es nicht von vielen anderen Dingen umgeben ist. Ein Material kann stärker wirken, wenn daneben etwas Ruhe bleibt.

In der japanischen Ästhetik gibt es dafür das Konzept Ma – den Zwischenraum, der nicht einfach leer ist, sondern eine eigene Bedeutung hat.

Ich finde, dieser Gedanke lässt sich nicht nur in der Architektur entdecken, sondern auch in der Kunst und in der japanischen Küche. Vielleicht sogar in der Kommunikation zwischen Menschen.

Ein klassisches Nigiri besteht im Grunde nur aus wenigen Zutaten: Reis, Fisch und manchmal etwas Wasabi. Und dazu nur ein ganz kleines bisschen Sojasauce – damit man den Fisch auch wirklich schmecken kann.

Doch gerade bei dieser Einfachheit kommt es auf jedes Detail an: die Qualität des Fisches, die Temperatur und Konsistenz des Reises, das Verhältnis der Zutaten.

Wenn alles zusammenpasst, braucht es oft nicht viel mehr. Für mich liegt darin eine besondere Schönheit.

Wenn Kulturen aufeinandertreffen

Japanische Ästhetik ist in Europa derzeit sehr gefragt. Begriffe wie Japandi oder Japanese Style begegnen uns auch in der Raumgestaltung immer häufiger.

Aber was fasziniert die Menschen hier eigentlich daran?

Vielleicht die Schlichtheit, die Ruhe oder die bewusste Reduktion.

Wenn wir etwas aus einer anderen Kultur kennenlernen, übernehmen wir häufig zunächst die sichtbaren Formen. Die Gedanken und Werte dahinter zu verstehen, braucht manchmal etwas länger.

Und natürlich verändert sich das Übernommene, sobald es auf eine andere Kultur trifft.

Dabei kann etwas ganz Neues entstehen.

So wie sich Sushi in Deutschland durch die Kreativität der Köche weiterentwickelt und neue Formen annimmt, kann auch die japanische Ästhetik in Europa ihren eigenen Weg finden.

Das finde ich eigentlich sehr spannend.

Zwischen zwei Kulturen gestalten

Am Ende führte mich dieses Sushi-Erlebnis wieder zu meiner eigenen Arbeit.

Ich bin Japanerin und arbeite als Interior Designerin in Deutschland.

Ich möchte die japanische Ästhetik nicht einfach unverändert in deutsche Wohnräume übertragen.

Die Menschen hier haben ihre eigenen Lebensgewohnheiten, Bedürfnisse und Vorstellungen davon, was ein schönes Zuhause ausmacht.

Gleichzeitig habe ich selbst durch mein langes Leben in Deutschland viel von der europäischen Architektur und Gestaltung gelernt.

Beide Kulturen haben mich geprägt.

Vielleicht liegt meine Aufgabe gerade darin, diese unterschiedlichen Sichtweisen miteinander zu verbinden. Nicht, um einen Raum möglichst japanisch oder möglichst europäisch wirken zu lassen. Sondern um aus beiden Perspektiven etwas Neues zu entwickeln, das zu den Menschen passt, die darin leben.

Was kann ich als japanische Designerin in Deutschland einbringen? Welche Werte möchte ich durch meine Arbeit vermitteln?

Darüber denke ich immer wieder nach.

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